Oper neu gedacht in 5 Kurzopern und 5 Uraufführungen

Das Projekt Opera reimagine eröffnet die neue Spielzeit im Scharoun Theater

In Kooperation des Scharoun Theaters mit dem Netzwerkprojekt Musik 21 Niedersachsen hat die neue Spielzeit im Scharoun Theater begonnen. Im Rahmen des innovativen Projekts Opera reimagined ist es vier Nachwuchskomponisten und einer Komponistin überzeugend gelungen, traditionelle, starre Grenzen der Oper aufzubrechen und für das 21. Jahrhundert neu zu denken. Unter der hervorragenden künstlerischen Leitung der Komponistinnen Snežana Nešić und Lenka Župková haben sich die jungen Ausnahmetalente der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH) zusammengetan: Gabriel Frisch, Roman Gregorski, Leon Christian Schneider, Max Ewald Habel und Joëlle Salome Götz.

Ursprünglich als reine instrumentale Stücke geschrieben, haben sie diese zu szenischen Miniaturen abendfüllend weiterentwickelt. Nach der Uraufführung auf der Opernbühne in Hannover war in Wolfsburg am Donnerstag die Fortsetzung der brillanten Bühnenpräsentation zu erleben.

Obwohl der eigentliche Begriff Musiktheater eher für experimentelle Arbeiten steht“, erläutert Nešić, „ist es den jungen Komponistinnen und Komponisten wichtig gewesen, den traditionellen Begriff Oper statt Musiktheater zu verwenden.“ In ihren Arbeiten setzen sie sich mit existenziellen und aktuellen Themen auseinander. Begrifflichkeiten wie „Identität“ und „Zukunft“ stehen neben kritischer Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung oder mit der Konsumgesellschaft. Emotional beeindruckend verschmelzen hierbei Blicke aus nachdenklichen und humorvollen Perspektiven.

Trotz abstrakter Herangehensweise gelingt es den knapp über zwanzig Jahre alten Musikschaffenden auf geniale Weise, sich in fünf unterschiedlichen Werken mit fünf verschiedenen szenischen Darstellungen den Themen anzunähern, die am Ende zu einer großen Erzählung zusammenwachsen – ganz im Sinne der klassischen Oper.

Die Kurzoper „Dürre“ von Gabriel Frisch betrachtet das menschliche Gemüt, das durch Social Media und das endlose Scrollen am Handy wie eine Wüstenlandschaft austrocknet. „Man verschwendet Zeit und ist weder wütend noch glücklich“, erklärt der Komponist.

Humorvoll umgesetzt untersucht Max Ewald Habel die Elemente der Oper. In seinem Werk „Gurken1fach“ geht er eigenwillig der Frage nach: „Ist die Oper noch eine Oper, wenn man den Text weglässt oder den Gesang oder keine Instrumente einsetzt?“

Roman Gregorski beschreibt in „Ars Nova“ eine Künstlerin, die unter der Unvollkommenheit ihrer Malerei und ihrem Anspruch an Perfektion leidet.

Mit seiner Kurzoper „Bildschirmzeit“ nach dem Libretto von Julian Mackenthun geht Leon Christian Schneider in fünf Teilen kompositorisch dem Phänomen nach, dass man „ohne Anfang oder Ende manchmal nur im Kreis denkt und dem nur schwer entkommt“.

The Voices Within“ von Joëlle Salome Götz ist die Geschichte einer jungen Frau, die in einer ausweglosen Situation einen Ausweg aus ihrem Leiden findet, indem sie einen inneren Wandel durchlebt.

Hochkarätige Vokalstimmen, exzellente Klang- und Videoregie von Andre Bartetzki sowie in der Dramaturgie von Klaus Angermann und der Inszenierung von Enke Eisenberg mit Sascha Davidović als Dirigent, machen aus einem erfrischenden Experiment ein überragendes Opernereignis.

Die Saisoneröffnung mit dem Projekt „Opera reimagined“ war ein Glücksgriff, der eine interessante und spannende Spielzeit erwarten lässt, und ein Blick in das Programmheft verspricht erneut Theatererlebnisse auf höchstem Niveau.

Heinz-Werner Kemmling

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